Der Münchner Akkordeon-Club, von seinen Mitgliedern liebevoll nur „der Club" genannt, zählt gut 30 Akteure, die sich jeden Donnerstagabend für zwei Stunden zur Orchesterprobe treffen (auch wenn böse Zungen behaupten, dass manche zum Leidwesen der Dirigentin den Hauptzweck des Abends darin sehen, in zwangloser Atmosphäre die letzten Neuigkeiten auszutauschen). Während vor 40 Jahren noch der Frauenanteil im Club stark überwog, konnte das männliche Geschlecht diesbezüglich inzwischen doch recht gut aufholen. Ob dies wirklich als untrüglicher Beweis dafür gewertet werden kann, dass Männer genauso fleißig üben wie die Frauen, sei dahingestellt. Bezüglich der Zusammensetzung des Clubs ist sicher noch erwähnenswert, dass in einigen Fällen neben der Mutter auch die Tochter bzw. die Enkelin im Club spielt.
Dass es den Mitgliedern im Club gefällt und auch das nicht unmittelbar mit dem Akkordeonspiel zusammenhängende „Rahmenprogramm" im Club-Geschehen für jeden etwas bietet, zeigt alleine schon die Tatsache, dass die meisten bereits länger als 25 Jahre in diesem Orchester spielen. Doch bevor ich auf die nahezu regelmäßig stattfindenden gesellschaftlichen Ereignisse näher eingehe, sind einige Mitglieder zu nennen, die aus völlig unterschiedlichen Gründen eine besondere Rolle spielen.
Die Chefin
Die wichtigste Person im Club ist natürlich seine Dirigentin, unsere Maria Brückl. Nach dem Tod ihres Mannes übernahm sie den Taktstock und leitet seitdem das Orchester mit viel Ausdauer, Verständnis, Diplomatie, Psychologie und vor allem Geduld. Während sich die Spieler schon mal wegen Krankheit, Urlaub etc. eine „Auszeit" nehmen, ist Maria wohl die einzige, die immer anwesend ist und mit großem Einsatz den manchmal sicher schwierigen Haufen von selbsternannten Individualisten dazu bringt, gemeinsam letztlich doch wohlklingende Musik zu produzieren. Für ihre aufopfernde Arbeit sei ihr an dieser Stelle einmal herzlich gedankt!
Die Allrounderin
Anna ist nicht nur seit langem schon die Stimmführerin der ersten Stimme, die, wenn es darauf ankommt, selbst die schwierigsten Läufe mit scheinbar stoischer Ruhe auf die Tasten zaubert, sie leitet auch seit nunmehr vielen Jahren das Orchester II und sorgt damit u.a. dafür, daß der Club mit „Nachwuchs" versorgt wird. Seit kurzem hat Anna es zudem übernommen, ein oder zwei Stücke im aktuellen Repertoire des Clubs zu dirigieren, um Maria etwas zu entlasten. Daß sie damit zusätzlich zu ihrer Tätigkeit als Musiklehrerin für Akkordeon, Klarinette und Blockflöte selber noch lange nicht ausgelastet ist, beweist die Tatsache, daß Anna seit einiger Zeit noch ein völlig anderes Orchester in München leitet, mit dem sie ebenfalls Konzerte gibt. Die Konkurrenz in den eigenen Reihen ist für den Club jedoch kein Problem, da bisher keinerlei Versuche bekannt geworden sind, Spieler abzuwerben (die Ablösesummen dürften sich sowieso in sehr engen Grenzen halten). Zudem ist Anna beratende Kinesiologin und bietet außerdem sogar in gewerblichem Rahmen Klangmassagen an. Völlig unbekannt ist allerdings die Anzahl der Orchestermitglieder, die sich bereits einmal von ihr kinesiologisch behandeln ließen, um z.B. angesichts eines bevorstehenden Auftritts ihre Ängste vor den Solostellen abzubauen, oder die sich zur erforderlichen Entspannung nach einer Probe mit Gongs und Klangschalen bespielen ließen.
Der Profi
Vor etwa 15 Jahren erhielt der Club deutliche Verstärkung aus dem ProfiLager. Zwar gibt Maxi, im Hauptberuf Bratscher, meistens gerade mit den Münchner Philharmonikern ein Konzert oder er befindet sich auf Tournee in den USA, Japan oder Brasilien. Bei den seltenen Gelegenheiten jedoch, bei denen er nicht arbeitet und auch nicht gerade im Urlaub auf den Malediven untertaucht, beeindruckt er in unseren Proben immer wieder durch die Art, wie er -egal in welcher Stimme- spontan auch die schwierigsten Passagen anscheinend mühelos vom Blatt spielt und dabei gleichzeitig noch feststellt, daß aus einer anderen Stimme ein falscher Akkord zu hören war.
Mittlerweile hat Maxi auch gelernt, daß ein falscher Ton in der Orchesterprobe bei uns nur in den seltensten Fällen wirklich auf einen Druckfehler in den Noten zurückzuführen ist.
Seit er sich zum ersten Mal dazu überreden ließ, speziell für den Club ein Stück für Akkordeonorchester zu bearbeiten, wird Maxi diese Aufgabe (natürlich!) nicht mehr Ios. In den letzten Jahren arrangierte er regelmäßig mindestens einen Beitrag zum Club-Repertoire, der jeweils nicht nur den Spielern gefiel, sondern auch bei den Zuhörern sehr gut ankam. Einmal durften wir sogar eine Eigenkomposition von Maxi spielen und konnten unserem Publikum damit eine Welt-Uraufführung bieten.
Der Österreicher
Seine internationale Ausrichtung und Weltoffenheit beweist der Club damit, daß er sogar einen Quasi-Österreicher zu seinen aktiven Mitgliedern zählen kann. Nach seiner Heirat mit einer Tirolerin nämlich kehrte Max -für ein paar eingefleischte Oberbayern im Club nahezu unvorstellbar- München den Rücken und zog zu seiner Frau in Richtung Süden. Da aber ein Leben im Ausland alleine noch lange kein Grund ist, den Club zu verlassen, reist er vor dem jährlichen Dezember-Konzert trotz meist winterlicher Straßenverhältnisse regelmäßig mindestens einmal pro Woche extra mehr als 100 km zur Orchesterprobe an, hat damit aber zugleich einen sicherlich nicht unwillkommenen Grund für einen kurzen Heimataufenthalt.
Das Club-Jahr
Da sich viele der gesellschaftlichen Ereignisse im Club mit schöner Regelmäßigkeit jedes Jahr wiederholen, möchte ich im folgenden kurz auf ein derartiges Club-Jahr eingehen. Wer aber glaubt, ein Jahr habe immer 12 Monate, der liegt nicht ganz richtig. Denn früher begann das Club-Jahr mit einem gemeinsamen Restaurant-Besuch vor der ersten Orchesterprobe eines Kalenderjahres erst Anfang Februar und endete mit der Weihnachtsfeier Mitte Dezember. Irgendwann dachte sich unsere Dirigentin Maria, eine beinahe 2-monatige Club-freie Zeit könne man doch niemandem zumuten, und verlegte flugs den Probenbeginn in den Januar. Deshalb treffen wir uns nun also jährlich gleich nach Ende der Weihnachtsferien zum ersten Mal mit unseren Akkordeons und beginnen so ein neues Club-Jahr. In der Folgezeit werden passende Stücke für das neue Repertoire gesucht und ausprobiert, das gemeinsame Abendessen wird nachgeholt und auch beim Skifahren war der Club schon mal beinahe geschlossen.
Das Wichtigste in der ersten Jahreshälfte aber ist die Planung und die Vorfreude auf den Clubausflug, der als absolutes Highlight des Jahres immer im Juni stattfindet und uns regelmäßig in die Berge Südtirols führt. Der einmalige Versuch, mit einem Ausflugsziel in Niederbayern nicht nur eine andere reizvolle Landschaft kennenzulernen sondern auch Fahrtzeit und -kosten zu minimieren, muß wohl als gescheitert gelten: nach schlechten Erfahrungen mit dem im dortigen Hotel angebotenen Wein und Bier (selbst die glühendsten Verfechter bayerischer Bierkultur tranken nach Geschmackstest aller verfügbaren Biersorten die ganze Nacht über nur mehr Apfelschorle) hat es seitdem niemand mehr gewagt, einen Gegenvorschlag zu Südtirol vorzubringen.
Der genaue Zielort in Norditalien ist dabei ebenso zweitrangig wie die Frage, ob das vorgesehene Hotel über Tischtennisplatten, Kicker, Kegelbahn, Sauna oder Schwimmbad verfügt. Die Existenz derartiger Einrichtungen wird zwar immer wohlwollend zur Kenntnis genommen und gegebenenfalls auch gerne genutzt, viel wichtiger aber ist es den meisten, daß an den beiden Abenden ein eigener (gut mit Getränken versorgter und im Interesse der übrigen Gäste möglichst schallgedämmter) Aufenthaltsraum für den Club zur Verfügung steht. Entscheidende Voraussetzung für einen gelungenen ClubAusflug ist nämlich seit jeher das Zugeständnis des Wirtes, die in Südtirol eigentlich obligatorische Sperrstunde um 23:00 Uhr zu ignorieren und der Bedienung entweder eine Nachtschicht abzuverlangen oder dem Orchester eine nicht zu geringe Menge an Weißbier und Wein zur Verfügung zu stellen, die erst am nächsten Tag abgerechnet wird.
Natürlich sind auch beim Clubausflug immer mehrere Akkordeons mit dabei, so daß für die musikalische Gestaltung des Abends gesorgt ist. Doch wenn die Nacht auch noch so lange ist, am nächsten Tag ist Bergwandern angesagt. Dabei ist das Ziel in der Regel eine gemütliche Hütte (idealerweise mit einer schönen Sonnenterrasse für die Schafkopf-Spieler), wobei die ganz Unermüdlichen die Möglichkeit haben, noch ein paar hundert zusätzliche Höhenmeter zum nächsten oder auch übernächsten Gipfelkreuz zu bewältigen und die nicht ganz so eifrigen Bergwanderer auf dem Rückweg wieder einzusammeln.
Nach einem derart anstrengenden Wochenende (manche sind beinahe gezwungen, den Montag als Urlaubstag einzuplanen) herrscht am Sonntag nachmittag im Bus verständlicherweise nicht gerade lebhaftes Treiben auf der Rückfahrt nach München.
Nach dem Clubausflug dauert es nicht mehr lange bis zu den Schulferien und damit zur großen Sommerpause, deren Beginn vom Orchester bei einem gemeinsamen Biergartenbesuch ausgiebig gefeiert wird. Erst mit dem neuen Schuljahr beginnen auch die wöchentlichen Orchesterproben wieder. Angesichts der Tatsache, dass manche Spieler den Sommer über allem Anschein nach mindestens die Hälfte von dem verlernen, was sie vorher über Monate eingeübt haben, hat sich Maria sicherlich schon öfters gewünscht, die Sommerferien zu verkürzen. Spätestens mit dem Ende des Oktoberfestes ist es dann soweit: es beginnt endgültig die heiße Endphase der Vorbereitung auf das große Konzert im Dezember und damit die Zeit der berüchtigten und von den meisten Spielern gefürchteten, von Maria aber sehnsüchtig erwarteten Sonntags-Proben. Regelmäßig für zwei Monate des Jahres werden die Orchestermitglieder nun zu Angehörigen der Spezies Wochenend-Frühaufsteher, weil zusätzlich zum Donnerstagabend jetzt auch am Sonntagmorgen um 9:00 Uhr eine dreistündige Probe angesagt ist. Mittlerweile hilft auch die bei verspätetem Eintreffen ebenso beliebte wie glaubhafte Begründung „ich habe verschlafen" nicht mehr unbedingt, da sich ein verzögerter Beginn der Probe bereits einige Male gnadenlos in einer entsprechenden Verlängerung der Spieldauer niederschlug, so dass das zu Hause schon wartende Mittagessen auch mal etwas länger auf dem Herd stehen bleiben musste. Um aber die Zeit zwischen dem nächtlichen Frühstück und dem nachmittäglichen Mittagessen zu überbrücken, wird am Sonntagvormittag eine (kurze) Übungspause eingelegt. Bevor nämlich das Crescendo des allgemeinen Magenknurrens den Bass zu überstimmen beginnt, werden die hungrigen Mäuler mit den bereits rechtzeitig zubereiteten Weißwürsten gestopft. Dieser Frühschoppen erlaubt es allen, der Sonntagsprobe zusätzlich zur spieltechnischen Effizienz durchaus noch eine weitere positive Seite abzugewinnen.
Das Konzert
Während der Club in früheren Jahren noch auf Weihnachtsfeiern oder Stadtteilfesten spielte, konzentrieren sich die musikalischen Aktivitäten des Orchesters -abgesehen von den oben beschriebenen Gelegenheiten mittlerweile weitgehend auf das schon mehrfach angesprochene Konzert, das jedes Jahr im Dezember in der Musikhochschule stattfindet. Nach intensiver Vorbereitung mit zahllosen Übungsstunden erfährt das Club-Jahr damit seinen musikalischen Höhepunkt. Einige der Spielerinnen(!) stehen auch nach mehr als 30-jähriger Konzerterfahrung noch mit vor Aufregung eiskalten Händen hinter der Bühne und warten darauf, dass es endlich losgeht. Sowohl Sekt als auch Baldrian sind nach Aussage von Probanden in dieser Situation jedoch keine wirksamen bzw. geeigneten Mittel gegen das Lampenfieber. Nach dem Ende des Konzerts sind die meisten Mitwirkenden einerseits froh, daß es vorbei ist, bedauern aber andererseits wiederum, dass es so schnell ging. Doch bleibt nun nicht viel Zeit für lange Überlegungen, denn nach dem allgemeinen Aufräumen trifft man sich schließlich noch zur Nachbetrachtung und zum großen Meinungsaustausch beim Abendessen. Für manche ist es dabei so entscheidend, auf jeden Fall noch vor Ende der Happy Hour beim „Rumpler" einzutreffen (wo meist exklusiv für uns reserviert ist), dass sie sogar bereit wären, am Ende des Konzerts auf eine von meist zwei vorbereiteten Zugaben zu verzichten. Bei der abendlichen Feier der -zumindest bislang immer- gelungenen Konzertveranstaltung wird erfahrungsgemäß ausgiebig von der Gelegenheit Gebrauch gemacht, sämtliche im Laufe der Vorführungen am Nachmittag erlebten Beinahe-Katastrophen nochmals Revue passieren zu lassen.
Mit der in der Folgewoche stattfindenden Weihnachtsfeier schließlich findet das Club-Jahr dann sein natürliches Ende.
An dieser Stelle bleibt nur mehr zu hoffen, dass auch das diesjährige Jubiläumskonzert zum 65-jährigen Bestehen der Musikschule Brückl dem Publikum wieder gefällt und damit für alle Beteiligten zum Erfolg wird.